
"Der SKN wird ein guter Jäger sein"
Fünf Jahre lang hielt sie die sportlichen Zügel des SKN in der Hand, durchlebte mit dem Verein wundervolle Höhenflüge und war auch in schwierigen Zeiten immer eine verlässliche Größe. Im Sommer endete der Weg von Tanja Schulte beim SKN. Wir blicken im Gespräch mit der ehemaligen Sportdirektorin zurück auf fünf spannende und aufregende Jahre. Fünf Jahre zwischen Champions-League-Alltag, Meisterehrungen und dem bitteren Abschied in der Generali Arena.
Tanja, einige Wochen sind seit dem denkwürdigen Ligafinale in der Generali Arena vergangen. Es wird ungewohnt sein, eine Betreuerbank während des Spiels ohne dich zu sehen. Wie weit konntest du bereits abschalten oder zumindest etwas Abstand gewinnen?
Tanja Schulte: Es ist auf jeden Fall deutlich ruhiger geworden. Die vergangenen Wochen waren in den letzten 5 Jahren immer die „schlimmsten”, da einfach viele Themen auf einmal erledigt werden mussten. Es war schön, mir Testspiele „ohne jegliche Aufgaben” anzusehen und überhaupt, einfach auch alle wiederzusehen. Ich habe die Entscheidung bekanntlich aus rein privaten Gründen getroffen. Der Umfang, gepaart mit der Verantwortung, war so einfach nicht mehr umsetzbar. Was ich jetzt schon merke – aber auch vorher wusste – ist, wie sehr mir vieles fehlt.
Fünf Jahre als sportliche Leiterin des SKN liegen hinter dir. Es gab zahlreiche schöne Momente, die ewig im Gedächtnis bleiben. Aber auch Momente, die aufgrund der Schwere der Entscheidung oder aufgrund des Spielergebnisses noch lange nachwirken. Welche Erinnerungen aus fünf Jahren SKN wären das von deiner Seite in beiden Kategorien?
Tanja Schulte: Der emotional positivste war die 119. Minute im UWCL-Rückspiel gegen KuPs. Das Tor von Mateja Zver hat uns erstmalig in die Gruppenphase der CL gebracht. Das Tor an sich war schon überragend, aber die Bedeutung dann noch weitreichender. Es war der Startschuss für eine Ära, in der wir viermal in Folge zu den 16 besten Teams gehörten.
Der negativste und gleichzeitig der präsenteste ist natürlich der letzte Spieltag der abgelaufenen Saison. Was da passiert ist – und vor allem wie – das war schon brutal. Dennoch werden unsere Spielerinnen daran wachsen, haben bereits in der Niederlage Größe gezeigt. Wir waren ein aktiver Teil eines Saisonfinals, das aufgrund der Gesamtkonstellation geschichtsträchtig war und schwer zu toppen ist. Es haben weit über die Landesgrenzen hinweg so viele mitbekommen, welch verrückte Szenen sich abgespielt haben. Und es wurde einem anhand der Reaktionen eigentlich erst bewusst, welches Potenzial der Frauenfußball in Österreich hat oder wer aller – manchmal heimlich, manchmal still und leise – den österreichischen Frauenfußball verfolgt.
Der Kader 2026/27 ist nach langer Zeit einer, für den du nicht allein verantwortlich bist. Wie schätzt du dennoch den Kader der Wölfinnen für die neue Spielzeit ein, was ist heuer möglich für den SKN?
Tanja Schulte: Es ist – anders als im letzten Sommer, als 14 Neuzugänge integriert werden mussten – nun von Beginn an ein eingespieltes Team. Die Neuzugänge gefallen mir gut und werden mit ihren jeweiligen Qualitäten dem Team sowie dem Teamgefüge guttun. Die Austria geht dennoch als Favorit ins Rennen. Interessant wird sein, wie sie mit dieser Rolle umgehen. Der SKN wird ein guter Jäger sein, den ich spielerisch erneut besser sehe. Sturm Graz rückt noch näher heran, kann und wird auch eine gute Rolle spielen. Für den SKN ist also alles drin. Sie können sicher wieder die Austria zu fordern und um beide Titel mitzuspielen.
In wenigen Tagen steht zudem die 2. Runde der Champions League auf dem Programm. Der SKN St. Pölten trifft im Halbfinale auf YB Bern, gecoacht von Imke Wübbenhorst, einer ehemaligen Wegbegleiterin und guten Freundin von dir. Wie schwierig wird es für dich, dieses Spiel zu verfolgen? Ich nehme an, du wirst beiden Teams die Daumen drücken?
Tanja Schulte: Diese Annahme ist falsch. Meine Daumen sind ausschließlich dem SKN gedrückt. Das weiß Imke auch. Es ist lustig, dass es ausgerechnet „jetzt” zu diesem Duell kommt. Imke ist tatsächlich eine sehr gute Freundin und sie leistet bei YB Bern tolle Arbeit. Ich rechne mit einem 50/50-Spiel. Hoffe aber ganz klar, dass es der SKN ins Finale schafft.
Du hast bei den Spielerinnen und generell im Verein immer ein sehr hohes Ansehen genossen aufgrund deiner umfassenden Erfahrung und Expertise über viele Jahre im Frauenfußball. Bei deiner Verabschiedung im Rahmen des Heimspiels gegen Red Bull Salzburg sind zahlreiche Tränen geflossen. Was möchtest du dem Team mitgeben auf ihrem weiteren Weg?
Tanja Schulte: Ich muss gestehen, dass diese „Verabschiedung(en)” etwas war, das ich nie vergessen werde und dafür wirklich sehr (!!!) dankbar bin. Weil es mir gezeigt hat, dass „meine Werte” angekommen sind und wahrgenommen wurden. Ich werde die Spiele weitestgehend mitverfolgen und meine Message ist: „Holt euch zurück, was euch gehört“!
Danke für fünf besondere Jahre, Tanja – wir wünschen dir alles Gute für deinen weiteren Weg und freuen uns auf ein Wiedersehen in der NV Arena!